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Juerg
Schoop |
Kultur von unten
Zum Gedenken an Betty Lutz-Naegeli
Seit Kultur sich zu einem Prestige- und Vorzeigeobjekt gemausert hat, wird sie auch in der Provinz sichtbar, allerdings ziemlich von oben gemacht: Der Staat kümmert sich jetzt ganz direkt und gezielt um seine Künstler. Chefsache sozusagen. Dagegen ist gar nichts einzuwenden, auch bitter nötig in einer Gegend, in der auf der breiten Basis allein der Amateurismus und das Geschmäcklerische in all seinen Formen gefeiert wird. All die Kunsthallen, all die Preisausschreiben und Events können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man im Kanton kaum 200 Leute (bei einer Einwohnerzahl von 244'000 Personen) zusammenbringt, die z.B regelmässig an Vernissagen aktueller Kunst erscheinen. Selbst die Besucher traditioneller ländlicher Kunstausstellungen erscheinen am liebsten, wenn Würste und Most angeboten werden. Und ich kenne keinen Künstler, ausser er hat sich schon berühmt hier niedergelassen, der von seiner künstlerischen Arbeit - längerfristig gesehen - leben könnte. Einer nüchternen Feststellung, dass in unseren Gefilden Kunst, Musik, Literatur und Ähnliches nicht gerade zu den täglichen Bedürfnissen zählt, kann man kaum widersprechen. Damit soll einer bäuerlichen Kultur keineswegs Recht abgesprochen werden. Urbane Kultur von unten: Damit meine ich, dass sich ein spiritueller Geist in einer Gesellschaft nur entwickeln kann, wenn ein verbreitetes Potential an ästhetischen Interessen, Vergnügen an Auseinandersetzungen (auch mit sich selbst), Vergnügen an neuen Erkenntnissen, diese Gesellschaft durchwirkt. Ich meine, gelebte Kultur kommt von unten, von den wachen Menschen, nicht von organisierenden staatlichen und andern Sponsoren. Man kann nur etwas wirklich fördern, das vorhanden ist. Daher das Missverständnis: der Staat kann nur dort Kultur fördern, wo sie vorhanden ist, ansonsten erzeugt er sie, - die Gefahr eingehend, hauptsächlich Chimären hervorzubringen.
Ich schreibe diese Zeilen im Gedenken an die kürzlich im 76. Lebensjahr, nach langer Krankheit verstorbene Betty Lutz-Naegeli aus Ermatingen. Sie ist ein seltenes Beispiel für eine Kunstförderung, die aus der Mitte der Gesellschaft kommt, aus dem Volk, wenn man zum Volk auch jene zählen darf, die ein bisschen mehr besitzen als der Durchschnitt. Sie entstammte einer Fabrikantenfamilie und konnte eine schulische Ausbildung zur Textil-Entwerferin machen, zur Verfeinerung ihres Handwerks hielt sie sich auch in der Modestadt Paris auf. Die Nähe zum Textilen war von Hause aus gegeben, bei ihr selbst drang der Hang zum Ästhetischen deutlich hervor. Betty Lutz gefiel sich nicht allein als ausübende Kunsthandwerkerin, in reiferen Jahren wurden ihr die direkten Kontakte zu Künstler und Künstlerinnen immer wichtiger, sie kaufte von ihnen in über drei Jahrzehnten was ihr gefiel, sie handelte meist spontan und dachte nie daran, Kunst nach Schubladen zu ordnen oder eine gewinnbringende Sammlung anzulegen. Sie brauchte einfach Kunst um sich wohl zu fühlen, ein wohl unübertreffbares Argument für die Kunst. Ihre emotionelle Verbundenheit mit ihren Bildern, die sicherlich auch für Stationen ihres Lebens standen, hätte es kaum erlaubt, Diskussionen über ihren Wert zu führen. Sie hat sich nicht hinter einen oder zwei Lieblingskünstler gestellt, was in der Praxis gerne geschieht, sie war immer offen für das Unangekündigte, oft auch Ungewöhnliche. Das Anarchische in ihrem Wesen muss ein Familienerbstück gewesen sein, da ist auch der bekannte HR Giger, der Maler des Grauens, ein Cousin von Betty. Mit welcher Begeisterung konnte sie von ihren Besuchen auf Gigers Schloss in Gruyères erzählen, wo sie sich gerne dem Garten widmete. Ein anderer, der unauffällige Otto Meier, ein Maler vom Untersee, war ihr Onkel. Vielen Künstlern hat sie Mut gemacht, nicht nur mit Worten, die nichts kosten. Wir danken es ihr und hoffen, dass dort, wo sie jetzt weilt, nicht nur Engelsbilder die Wolkenwände zieren. Vielleicht ist Betty auch in die ewigen Jagdgründe eingegangen, denn mir scheint, dass sie so etwas wie die letzte Mohikanerin war.
Jürg Schoop