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Juerg
Schoop |
Altwerden
ist kaum mit vielen Vorteilen verbunden, jedenfalls nicht für eine Person
meines Standes und meiner Gesundheit. Aber, eine kleine Mitgift wenigstens
erhält ein jeder, wenn er in die Jahre kommt und nicht gänzlich unbedarft
ist, - der Blick fürs Ganze weitet sich und gewinnt an Schärfe. Geschichte
reduziert sich nicht mehr auf Lesebücher, Biografien, Romane, Filme und
derlei. Plötzlich merkst du, dass du dich selbst in einem geschichtlichen
Raum bewegst, Anteil an geschichtlichen Entwicklungen genommen hast.
Die vor 1940 geborenen werden sich noch daran erinnern, dass ihre Grossväter
einen Spucknapf besassen, der gelegentlich oder auch nur noch selten benutzt
wurde. Noch in den 50-er Jahren befand sich unten am Fenster eines jeden
3.-Klass-Eisenbahnwagens ein Emailschild auf dem in drei Sprachen davor
gewarnt wurde, auf den Boden und aus dem Fenster zu spucken. Dabei sind mir
die Worte «Il est interdit...» und «Sporgersi...» als einzige haften
geblieben. Heute frage ich mich, ob die Schilder auch in der 1. Klasse, die
ich natürlich nie kennenlernte, angebracht waren, ob das Problem ein
klassenübergreifendes war.
Schon 1950 war weit und breit keiner mehr auszumachen, der auf den Boden auch
nur eines 3.- Klass-Abteils gespuckt hätte. Mir schien die Sache ein Witz der
Bundesbahn zu sein, die es vielleicht über Jahrzehnte hin schlicht versäumt
hatte, den Vertrag mit dem Schildchen-Lieferanten zu kündigen, und weil sie
nun einmal da waren, immer wieder montiert wurden. Meinen Vater hatte ich nie
dabei ertappt, wie er auch ausserhalb eines Bahnabteils, jemals gespuckt
hätte. Dass in früheren Zeiten ausgiebig gespuckt wurde, es offenbar zu den
gesellschaftlichen Gepflogenheiten gehörte, wusste ich nur aus
Wildwestfilmen, in deren Saloons ja auch die letzten Spucknäpfe zu
besichtigen waren.
Das Spucken und die Spucke, in der vielleicht in der Frühzeit des
Eisenbahnverkehrs eine der fundamentalen Aeusserungen der männlichen Hälfte
der Menschheit gesehen wurde, muss die Volksseele über alle Massen
beschäftigt haben. Es fällt auf, dass der Umgang mit der eigenen Spucke
einen ganz andern Wert besitzt («Jetzt wird mal in die Hände gespuckt!»)
als wenn ein Gegenüber in Spuckangelegenheiten ausersehen ist. Ungezählte
Redensarten verdeutlichen es – ein anderer spuckt grosse Töne, man soll
sich nicht in die Suppe spucken lassen, man soll nicht gegen den Wind spucken
und anderes mehr. Ich erinnere mich an einen vor 50 Jahren gehörten Witz, in
dem sich ein Appenzeller und ein gut gekleideter Tourist in einem vermutlich
3.-Klass-Abteil gegenüber sitzen. Der Fremde spuckt mehrmals haarscharf am
Kopf des Appenzellers vorbei zum Fenster hinaus. Als der Betroffene
aufzubegehren versucht, sagt der Spuckfreudige nur «Keine Sorge, Mann...»
und stellt sich dann vor «Krause, Meisterspucker aus Berlin!». Der
Appenzeller schweigt dann eine Weile und spuckt dann dem Berliner mitten ins
Gesicht. Kommentiert dann das Geschehen mit den lapidaren Worten «Dörig aus
Appenzell, Anfänger...» Eine aus diesem Umkreis stammende psychologische
Erklärung über den Unterschied des männlichen und weiblichen
Sexualempfindens erhielt ich mit dem Hinweis, dass es eben nicht dasselbe ist,
ob man aus einem Zimmer hinaus oder in ein Zimmer hineint spuckt. Darüber
könnte man ohne Zweifel ein Essay schreiben.
Doch
wenden wir uns wieder der Historie zu. Unlängst, es muss im Jahr 2003 gewesen
sein, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich entdeckte erstmals auf
den Trottoirs kleine Flecken, die sich beim näheren Betrachten unverkennbar
als frische Spucke erwiesen. Ich versuchte erst, an meiner sonst
zuverlässigen Wahrnehmung zu zweifeln, wollte das dann einem offenbar
lungenkranken Einzelgänger zuschreiben. Bis ich dann einen und später
mehrere Jungmänner dabei entdeckte, die wieder der altvorderen Gepflogenheit
huldigten. Es darf doch nicht wahr sein! Die ewige Wiederkehr! Doch die
Philosophie führt uns in die Irre. Nach einigem Nachdenken stellte ich ebenso
erstaunt fest, dass die Spuckerei in Wirklichkeit überhaupt nie aufgehört
hatte, sondern sich nur ihr Gesicht gewandelt hatte. Das Verschwinden des
Speichels aus unserer Kultur in den letzten 60 Jahren kann leider nicht auf
die Verfeinerung der Sitten zurückgeführt werden (Daran sollte man sowieso
nie glauben!). Ursache sind die Amis, die im Weltkrieg den Kaugummi nach
Europa gebracht hatten. Nun, jetzt betrachte ich die Tausende von
flachgetretenen Kaugummis auf dem Frauenfelder Bahnhofplatz, die kein Regen
wegwischt, mit ganz andern Augen. Ich habe meine Geschichtsprüfung gemacht.
Der Gedanke, dass das Bundesamt für Gesundheit ohne mein Wissen,
wahrscheinlich während einer meiner Ferienabwesenheiten den Preis für
Kaugummis drastisch erhöht hat, erklärt alles. Es wird wieder der eigene
Saft ausgespuckt, der Sinn für das Potential der Erniedrigung, die mit dem
Spucken verbunden ist, gewinnt im Volk wieder Präsenz. Der Fussballer Alex
Frei, ein Pionier der neuen Kultur, hat uns dies anlässlich der
Europameisterschaft drastisch vor Augen geführt.
In die Hände gespuckt, Spucknapf-Hersteller! Wenn ihr so clever seid wie die Handy-Hersteller, werden wir bald den ordinären Spucknapf von einst als modisches Accsessoir, direkt neben dem Handy bewundern können. Vielleicht mit eingebautem DNA-Analyzer oder Hormon-Extractor. Für Werbeaufschriften ist auch Platz und Aussicht für eine olympische Spuckdisziplin ist auch, wenn man bedenkt, welche Sportarten sich zur olympischen Disziplin durchgemausert haben, nachdem das Weitspucken seit jeher im Guiness-Buch der Rekorde verzeichnet ist.
A propos Olympia: Haben Sie gewusst, dass das Olympische Komitee oder wer auch immer Vorschriften für die Bekleidung der Beach-Volleyballerinnen erlassen hat? Während die Herren dieses Sportvergnügens in Hosen, die am Fussballerdress Mass genommen haben, aufschlagen dürfen, müssen die Frauen Bikinis tragen bei denen der Slip auf der Seite gemessen nicht breiter als 4 cm sein darf. Im Interesse, die Attraktivität dieser Disziplin zu erhöhen, wie gesagt wurde. Diese Notwendigkeit besteht allerdings...
Jedenfalls, ich spucke drauf. Auch auf alle, die an diesem Wirbel um Freis Spuckattacke mitgedreht haben. In welcher Kultur leben wir eigentlich? Wie kann man einen Gelegenheits-Sünder zum Unsportler des Jahres hochstilisieren, während dessen eine Unzahl von Kollegen - von Schiedsrichtern, Aufsichtsbehörden und Presse ungeahndet - sich gegenseitig auf Knochen und Weichteile hauen mit oft üblen Verletzungen zur Folge, die Kroaten zum Beispiel bei fast jedem Mannkontakt routinemässig mit ihren harten Ellbogen auf den Kopf ihrer Gegner zielten.
Merken Sie den Unterschied? Das alles bezeugt Männlichkeit, so wie sie seit jeher definiert wurde, das Spucken aber – und das ist das Neue – gilt heute als weiblich. Auch die Unkultur ist im Wandel begriffen...
Zum Schluss: Einen wunderbaren Bogen vom Fussballplatz zum Kaugummi schlägt die folgende Zeitungsmeldung: Auf der Oxfordstreet in London sollen nach einer Schätzung 300 000 ausgespuckte Kaugummis kleben. Um das Problem in den Griff zu kriegen wie es heisst, engagierte die Stadtverwaltung ein Double des glatzköpfigen italienischen Schiedsrichters Colina, der in flagranti ertappten Kaugummi-Ausspuckern die rote Karte zeigt.